I like trains

Ich bin ja noch einen Bericht zum Zugfahren in Indien schuldig. Als abschließenden Blog-Beitrag für diese Reise, haben sich noch ein paar sowohl informelle, als auch lustige Anekdoten gefunden:

Das Zugfahren an sich, den Verlauf der Strecken und das Buchen von Tickets in Indien zu verstehen ist schon eine eigene Wissenschaft. Es gibt dazu seitenlange Blogbeiträge, wie man als Nicht-Inder an eines der begehrten Tickets kommt. Die Hauptverkehrsrouten sind nämlich oft Wochen im Vorraus  ausgebucht. Ich mache jetzt keine neue wissenschaftliche Abhandlung wie man zu seinem Platz kommt, eher einen Schnellsiedekurs: (fuer genauere Infos nutze man bitte http://www.lmgtfy.com)

So kommt man an seinen Sitz-/Liegeplatz
1.) Man hat sich mühsam im Vorraus das Prozedere einer online Registrierung bei der indian railway catering & tourism corperation angetan und kann sein Ticket selber buchen. (in Kooperation mit http://www.cleartrip.com/ wohl am Einfachsten). Dazu benötigt man aber eine indische Handynummer und man sollte seine Reise Tage bis Wochen vorrausplanen. Für spontane Rucksackreisende eher unpraktisch.

2.) Man geht vor Ort zu einer tourist agency und bekommt mit etwas Glück noch eines der Touristen-Restkontingent Tickets: dann kann man auch mal einfach am Vortag buchen, zahlt aber den doppelten Preis.

3.) Man holt sich direkt bei allen größeren Bahnhöfen in extrig dafür eingerichteten Touri-Bureaus sein Restkontingentticket – zum Normalpreis. In Delhi hatte dieses Bureau sogar 24/7 durchgehend geöffnet und innerhalb weniger Minuten hatte ich meine 3 Tickets für die Fernstrecken, die eigentlich alle schon ausgebucht waren.
Also mit etwas Vorraussicht, alles halb so wild.

Kostenpunkt für meine 3 Langstrecken Fahrkarten

#1 ca. 6€ für 750km
#2 ca. 5,50€ für 700km
#3 ca. 10,50€ für 2000km

Diese Preise beziehen sich auf die „Schlechteste“ von bis zu 6 möglichen Schlafabteil Klassen auf den Fernverbindungen. Folglich befinden sich in diesen (so genannten) Sleeper-Waggons auch die meißten Menschen und das Gesamterlebnis einer indischen Zugfahrt ist perfekt. Herumturnende Kinder, fliegende Händler die monoton „chai, chai, chai“ rufend durch die Gänge ziehen, Bettler aller Facetten, Familien die sich zu 5. einen Liegeplatz teilen (und einem trotzdem  was von ihrer Jause anbieten) und wunderschöne WCs, also das bekannte Loch im Boden oder auf Wunsch sogar western style-toiletten – die man aber freiwillig gerne meidet. Unentwegt rattern die Ventilatoren, unter Tags sucht man aber ohnehin den Fahrtwind an den offenen Fenstern und Türen um die Sauna ein wenig erträglicher zu gestalten. Air condition gibts um ein paar Euro mehr in den besseren Ligeklassen.


Die vollgestopften 2nd class Nahverkehrszüge sind dann aber nochmal ein eigenes Kaliber. Das Mitfahren auf dem Zugdach wurde erst vor wenigen Jahren offiziell gesetzlich verboten, wird aber in manchen Bundesstaaten nach wie vor praktiziert. Bei täglich bis zu 20 Millionen zu befördernden Personen auch kein Wunder, dass die Zuege heillos ueberfuellt sind. Das „Auf dem Zugdach Mitfahr-Abenteuer“ werd ich mir aber fuers naechste Mal aufbewahren 😉

Meine letzte lange Zugfahrt brachte mich also aus dem Osten, von Siliguri, wieder zurück nach Delhi. Am 30. März war um 6:00 Tagwache, nach einem kurzen Frühstück gings 4 Stunden lang mit dem Jeep von Darjeeling nach New Jalpaiguri (dem Bahnhofsort). Überpünktlich am Bahnhof angekommen, stand mir eine (laut Plan) 24 stündige Zugfahrt bevor. Mit nur 1h Verspätung fuhr der Zug dann gegen 15.00 auch los. Die ersten Stunden der Fahrt waren kurzweilig, Ich lerne Arim kennen, der aus dem fernen Osten Assam über Delhi nach Punjab zu einer Weiterbildung in Sachen Agrikultur fährt. 3 Tage Anfahrt, 6 Tage Kurs, 3 Tage Rückfahrt. Na Bum. Wir quatschen viel und erfreuen uns am Mikrokosmos-Leben „indischer Zug.“ Am Abend beziehe ich mein Nachtlager in der Gepäcksablage und finde einige wenige Stunden Schlaf. Um 6.00 wache ich mit dem beginnenden Gewusel der anderen Zuggäste auf. 24h on the road bis jetzt – planmäßige Ankunft in Delhi um 13.00, also in 7 Stunden. Ich esse, was die kurzen Stops an den Bahnhöfen so zulassen, das board“Catering“ so anbietet und andere Zugreisende mit mir teilen. Ein kulinarisches Harakiri sonder gleichen – aber mir bleibt nichts anderes übrig. Nur von Bananen werde ich auch nicht gluecklich. Ab 12.00 gehts dann los. Durchfall. In einem indischen Zug. Jetzt hab ich mein Abenteuer. Wenigstens diesmal ohne Fieber und Kreislaufkrisen und ausreichend Klopapier im Gepäck. Die folgenden Stunden werden ein Testpiece in Sachen Geduld und Akzeptanz 😉 Dass der Zug massig Verspätung hat war mir zu dem Zeitpunkt schon klar. Wie viel – das konnte mir niemand genau sagen. Sehr wohl erfuhr ich aber den Grund für die andauernden Zwischenstopps auf offener Strecke. In Indien gibt es viele private, teurere und daher schnellere Züge. Ich befand mich in einem staatlichem, billigen und somit Langsamen. Diese Züge müssen den anderen Vortritt gewähren, damit sie ungebremst von A nach B kommen. Große Teile des Zugnetzes haben nämlich nur einen Gleiskörper – für beide Fahrtrichtungen!
So richtig zermürbend wurde es dann allerdings erst, als der Zug für die knapp letzten 100km nochmal 5h brauchte. Bitter wenn man quasi schon da ist und immer und immer wieder beschleunigt und stehen bleibt. Ankunft des Zuges am Ende dann um 21:30 (anstatt 13.00). Ankunft im Hotel um 22:30. 36h on the road. Diese Nacht sollte ich auf Grund des Durchfalles und Moskitoplage auch nicht schlafen.

Aber wie so oft, alles wieder gut. Nach 2 zachen Tagen haben sich Körper und Geist wieder gut regeneriert und die letzten paar Tage vor dem Heimflug werden mit aggressivem Nichtstun verbracht. Danke für eure Anteilnahme, wir sehen uns dahoam wieder. Und ich freu mich drauf J

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Andi​

Sikkim – ein Land versteckt in den Bergen

Für all jene die Nepal bereist haben und kennen: Sikkim ist meiner Ansicht nach ein kleines Nepal – ein kleines, moderneres Nepal mit einer sehr aktiven buddhistischen Kultur. Quasi die Schweiz des Himalayas 😉 Beinahe jede etwas größere Ortschaft beherbergt ein Kloster der verschiedenen buddhistischen Strömungen. Sogar eine alte Bon-Monastery gibt es hier. Das Besondere und Schöne ist, dass all‘ die teilweise Jahrhunderte alten Gebäude sehr belebt sind und Mönche dort wohnen und ihren Glauben und Philosophie aktiv praktizieren. Ebenso gibt es an vielen Orten buddhistische Schulen für die Babymoenche – Immer wieder ein lustiges Gewusel wenn ich diese besuchen durfte. Besonders schoen zu sehen war, dass die Kleinen, trotz des strengen Lehren der Kloester, trotzdem Kinder sein durften. Im Dreck raufend oder Kricket spielend konnte ich ihnen so lange Zeit zu sehen. Als Besucher dieser spirituellen Gebäude hat man nicht das Gefühl, ein totes Relikt vergangener Tage zu betrachten sondern gelebten, uralten Traditionen beizuwohnen. Manchmal setze ich mich einfach in die bunten Gebetsräume zu den murmelnden und singenden Mönchen und meditiere in Stille auf meine eigene Art. Immer wird mir herzlich ein Sitzplatz in ihren Reihen angeboten – einmal werde ich sogar mit Früchten und Keksen versorgt. Ich fühle mich stets willkommen und akzeptiert, wobei ich natürlich auch gerade unter den jungen Mönchen für Aufsehen und neugieriges Geschnatter sorge. In den entlegenen Bergdörfern werden sie in ihrem abgeschotteten Klosterleben allgemein selten Weiße sehen, und noch weniger Ausländer die sich in ihren Alltag gesellen. Fotos mache ich während dieser magischen Momente kaum, mir ist der Augenblick und der Respekt vor der Privatsphäre der Mönche dabei zu wichtig.

Fuer manch einen ist Sikkim wahrscheinlich noch gar kein Begriff. Versteckt im Nord-Osten, eingebettet zwischen Nepal, Tibet und Bhutan liegt das ehemalige Koenigreich Sikkim. Erst seit 1975 gehoert Sikkim zu Indien. Nepalis, Tibeter, Bhutanesen, Lepchas und Bhutias bevoelkern den kleinen Bergstaat. Zum Westen hin bildet der Khangchendzonga, 3. hoechster Berg der Welt die natuerliche Grenze zu Nepal, nach Norden und Osten hin bis zu 5.000m hohe Paesse des Himalaya Massivs. Als westlicher Tourist darf man den Grenzuebergaengen zu Tibet und Bhutan nach wie vor nicht zu nahe kommen. Nur Indern ist der „Besuch“ der militaerisch streng bewachten Gebieten gestattet.

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Landschaftlich ähnelt Sikkim auch stark seinem Nachbarn Nepal. Dichte Wälder und Dschungel an steilen Bergflanken prägen das Land. Die Hänge werden von schmalen Tälern und reißenden Bergflüssen scharf durchschnitten. Die Dörfer werden einfach ins abschüssige Gelände gebaut. Auffallend ist, dass selbst die entlegendsten Hütten mit Strom versorgt werden und ein gut ausgebautes Strassennetz die Ortschaften verbindet. Die Hauptrouten sind teilweise sogar top asphaltiert und mit Strassenmarkierungen versehen (das hab ich Indien bisher noch nirgends gesehen!). Für andere Destinationen braucht man dann für 7km aber doch schnell mal 1,5h mit dem Auto. Mehr als Schrittgeschwindigkeit ist bei den zerfurchten Schotterpisten nicht drin. Auch meine lange Rueckfahrt von Pelling nach Jorthang sollte von geuebten Langstreckenlaeufern schneller zu bewaeltigen sein als mein Bus es geschafft hat. Vehikel der Wahl ist hier aber sowieso der Jeep. Als sogenannte Sammeltaxis fahren diese erst los, wenn alle Plätze (hier in der Regel 10) besetzt sind. So kommt man auch gut über die häufigen Hangrutsch-Passagen hinweg.

Insgesamt wirken die Einwohner Sikkims auf mich, als hätten sie einen guten Spagat zwischen Moderne und ihren alten Traditionen geschafft. Das Land ist gut technologisch entwickelt, auf Schulbildung wird sehr viel wert gelegt, es ist äußerst friedlich (Indiens Distrikt mit der geringsten Kriminalitätsrate) und vor allem sauber! Trotzdem pflegen sie ihre Kultur und viele Sikkimesen bleiben ihrem Selbstversorgerstatus treu.
A pro pos: Hier habe ich zum ersten Mal ausserhalb Nepals wieder Dal Bhat und Chang bekommen, die typische Reis-Linsensuppe und selbstgebrautes Bier-Mahlzeit. Wieder mal heißt es, einfach ein wenig abseits der ausgetretenen Pfade zu wandern und man kommt herrlich einfach mit den zuvorkommenden und liebenswürdigen Einheimischen in Kontakt. Eine besonders schöne Geschichte ist, wie uns (ich war 2 Tage mit einem Päaerchen aus Holland/Schweden unterwegs) ein Restaurantbesitzer einen besonders tollen Tag schenkte. Er hat mitbekommen, dass wir zu heißen Quellen, 10km außerhalb des Dorfes wollten. Uns war nicht bewusst, dass da keine Jeeps hin fahren und keine Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden sind. Wir wären halt einfach am nächsten Tag mit Sack und Pack los gezogen (und wohl nicht weit gekommen). Wie auch immer, Jay hat sich den kompletten Tag frei genommen und uns mit seinem Privatauto herumgeführt, uns Plätze gezeigt zu denen wir sonst nie gekommen wären, uns auf Essen und Getränke eingeladen und mit uns ein paar Stunden bei den heißen Quellen verbracht. Einfach so. Ohne irgendeine Gegenleistung zu wollen. Er war schlicht und einfach auch an uns und unserer „Kultur“ interessiert.

Einziger Wehrmutstropfen an Sikkim ist für mich persönlich, dass man Trekkingtouren in die Hochebenen nur in Begleitung von staatlichen Guides machen darf. Ohne weitere permits und gebuchter Tour ueber eine agency geht nichts. Trekkingreisende haben mir von andauernden Kontrollen von Polizei und Militaer berichtet. Wobei es aus Sicht der Bevölkerung natürlich den großen Vorteil hat, den Tourismus begrenzt und kontrolliert zu halten und natürlich auch besser daran zu verdienen (so eine geführte Tour besteht aus Führer, mehreren Trägern, Koch und Yak-Führer.)

Für mich war der kurze Ausflug in dieses ehemalige autonome Königreich aber ohnehin eher spiritueller Art. Wander kann ich ja auch daheim.
Zufrieden fahre ich somit wieder über die Grenze nach West-Bengalen um meinen letzten Tag mit ausreichend Sauerstoffgehalt in der Luft in Darjeeling zu verbringen, ehe es wieder zurück ins „echte“ Indien und nach Dehli geht.

PS: Nach 10 Tagen „warten“ auf gutes Wetter, hat sich am letzten Tag meines Aufenthaltes in den Bergen, der Wolkenschleier um den hohen Berg doch noch gelichtet 🙂

Lustiges Frage-Antwort Spiel

Frage: Wie viele Menschen passen in einen Jeep? Falsche Antwort: 11 Sitze = 11 Personen. Richtige Antwort: 11 Sitze = 15 Personen IM, +1 Person und 5 Hühner AM Auto festgebracht.

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Typ am Jeep anklammernd

Frage: Wie viele Menschen sitzen vorne in einem PKW? Falsche Antwort: 2. Richtige Antwort: 4 (wenn der Fahrer AM Schoß von jemanden sitzt)

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Fahrer ist der im weißen Hemd

Frage: Wie lange dauert eine 15 stündige Zugfahrt? Falsche Antwort: 15 Stunden. Richtige Antwort: 22 Stunden (da 7h Verspätung)

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Zug: Blick von der "Gepäcksablage"

Daher Folge Frage: Wie lange dauert eine 24 Stunden lange Zugfahrt? Antwort: ich weiß es noch nicht. Ich hoffe mal unter 36 Stunden. Am 30. März erfahre ich es.

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Frage: Warum verbringt man als Touri 2 Tage in einem fancy Hotel irgendwo im Nirgendwo Indiens. Falsche Antwort: s‘ ma wuascht. Richtige Antwort: da einen spontanes Fieber und Durchfälle dazu zwingen und man sich gerne 48h mit Klo-gehen und Elektrolytlösung trinken bei Laune hält. Dank meiner 2 indischen Businessmen, die mich vom Bahnhof ins Hotel gebracht haben und mich mit Medikamenten, Nahrung und geheiligtem Reiki-Wasser versorgten war ich schnell wieder auf den Beinen. Danke euch Beiden! würd mich mal interessieren wie man in Österreich einem deliranten, scheißendem Inder begegnen würde 😉 Die 2 haben sogar alle paar Stunden bei mir angeklopft und nachgesehen wies mir geht.

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Meine 2 Retter 😉

Naja, inzwischen schon wieder alles Geschichte. Ich schlag mich zur Zeit, schon wieder gut „abgedichtet“, mit Jeeps durch das bergige Sikkim. Aja, das permit dafür war leicht zu bekommen, aber natürlich Indien-style: bitte gehen sie ins office #1 und füllen sie Zettel A aus um Stempel x zu bekommen, um damit dann ins office #2, natürlich am anderen Ende der Stadt gelegen zu watscheln, wo sie Stempel y erhalten. Damit und vielen neuen lustigen Eintragungen im Reisepass darf man dann am Grenzposten Sikkims nochmal aussteigen um sich Stempel z zu holen, mit dem man dann 15 Tage in den meisten Gegenden frei rum laufen darf. Für die Hochgebirgsgegenden hieße es dann wieder: noch ein permit beantragen und mittels Agentur Touren buchen. Aber das is ma zu doof, ich will net wie a Schaf durch die Berge getrieben werden. Das möcht ich wenn dann schon in Eigenverantwortung (oder zumindest mit Merlin als meinem Schaftreiber) machen 😀
Es gibt aber genug zu sehen hier und ich melde mich wieder mit Berichten über im Gras raufende Kindergarten-Mönche und Ausnahmezustand „Holi Festival!“

Bleibt sauber! ich bins ja auch wieder 😀

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Schreibfaul – Bildreich

Hier erst mal ein paar der versprochenen Impressionen aus Varanasi: (draufklicken zum Vergroessern)

Oben: Marktstimmung und all-abendliche Ganges-Zeremonie an den Ghats.

Unten Links: Pilger beim Beten unter dem Baum, an dem der erleuchtete Buddha seine ersten 5 Schueler unterrichtet hat.

Unten Mitte: Um 500 Rupien (etwa 7 Euro haette ich mich hier super guenstig taettowieren lassen koennen – irgendwas in mir hat sich dann doch dagegen entschieden).

Unten Rechts: viel lieber habe ich mich (bzw. meine Kleidung) diesem Waeschemann anvertraut – immerhin buegelt er noch oldschool ohne Strom! Kann theoretisch nur mal passieren, dass ein Stueck gluehende Kohle ein Loch in den neuen Anzug brennt…

 

Bin inzwischen in Darjeeling gelandet. Hier auf 2200m Seehoehe, an der Grenze Nepals (im Westen), der Grenze des Koenigreichs Buthans (im Osten) und an den Toren Sikkims ist es endlich wieder mal erfrischend kuehl.  Wahrscheinlich freu ich mich am meissten deshalb, weil sich meine seit 6 Wochen herumgeschleppte Wintergarderobe nun doch rechtfertigt. Mir gehts (wieder) gut (jaja Mama, ich erzaehl dir alles, versprochen :D) und entspanne in der Hoehenluft. Dass es hier recht leiwanden Tee gibt, muss man nicht extra erwaehnen denke ich!?

Die Anreise nach Darjeeling ist wieder eine Geschichte fuer sich, werde ich auch bald hier kundtun, aber erst mal besorg ich mir jetzt das inner line permit fuer den Bundesstaat Sikkim. Yihaaaa 🙂

Varanasi – Es riecht nach Tod… und Leben

Auf einfach zusammengebunden Bambustragen wird der Leichnam durch die Stadt zu den Ghats gebracht. Als Ghats werden in Indien die Stufen zu Fluessen und Seen bezeichnet, an denen sich die Menschen und ihre Kleidung waschen, rituell reinigen, oder speziell fuer Varanasi, ihre Toten verbrennen und die Asche in den Ganges streuen. Der leblose Koerper ist eingehuellt in bunte Tuecher und Blumen. Am Verbrennungsort, wenige Meter vom Fluss entfernt und fuer jedermann frei zugaenglich, wird aus Holzscheiten ein circa 2×1 Meter grosses Podest aufgebaut, auf das der Leichnam gelegt wird. Angeblich werden bis zu 200kg Holz benoetigt, bis der Koerper in etwa 1 bis 2 Stunden zu Asche verbrannt ist. Die Tuecher werden von Helfern und Familienangehoerigen entfernt, auf die Blumen stuerzen sich die umstehenden Kuehe. Nur mehr in einem weissen Leinentuch eingehuellt wird der Tote aufs Podest gelegt. Das alles passiert sehr unfeierleich und emotionslos. Eher hat man Angst, dass der Koerper unter den hektischen Bewegungen fallen koennte. Erst wenn dieser noch mit einer Schicht Holz und Butteroel bedeckt wurde wird eine kurze Zeremonie abgehalten. Der aelteste Sohn umrundet dabei das Podest 5 Mal von Kopf bis Fuss mit loderndem Stroh. Sein Kopf ist kahl geschoren, wie auch haeufig alle anderen Familienmitglieder ihre Koepfe kahl schehren wenn ein Angehoeriger stirbt. Dann wird das Podest in Flammen gesetzt. Frei von jeglicher Mimik stehen die Angehoerigen umher und beobachten, wie das Feuer den Toten an sich nimmt.

Gebannt wohne ich dem mystischen Schauspiel bei. Kurz bricht Hektik aus, als mitten in den Zuschauern 2 kraeftige Bueffel zu rangeln beginnen und dabei einige Umstehende mit sich reissen. Zwischen diesen Gewalten moechte man nicht gerade mitmischen. Aber alles geht gut. Als der Qualm zu dicht wird, verlasse ich den Ort. Beim Gehen sehe ich noch den knochigen Schaedel eines anderen Scheiterhaufens, der noch ruhig vor sich hin lodert.

Neben diesen fuer uns wohl gewoehnungsbeduerftigen Riten, gehen die Hindus ihrem Alltag nach. Es wird geputzt und gewaschen, waehrend daneben die Leichen in den Flammen zu Asche zerfallen. Neben dieser Besonderheit ist Varanasi auch allgemein eine tatsaechlich sehr intensive Stadt. Die Gassen am Ganges, wo sich auch die meisten guesthouses befinden sind zum Glueck so eng, dass keine Autos oder Tuktuks durchpassen, dafuer sind die Pflastersteine voll von Kuh- und Schweine (und Menschen-)Kot. Haendler bieten in den ewigen Weiten der Basarstadt ihre Waren und Dienstleistungen an. Kommt man auf die befahrbaren Strassen, sind diese oft so verstopft, dass es einfach kein Weiterkommen mehr gibt. Rien ne vas plus. Auch ich steige fruehzeitig von meiner Fahrradrickshaw ab, da ich zu Fuss einfach schneller bin und dem Smog ein wenig entfleuchen kann. Die Frage, ob ich Varanasi mag und weiterempfehelen kann: Absolut JA. Wer die intensiven Verbrennungsrituale nicht sehen will, muss es nicht tun. Sie finden an wenigen Stellen am Fluss statt, welche man gut meiden kann. Die herrlich verwinkelte Alltsadt mit ihren Jahrhunderte alten Gebaeuden und unzzaehligen Tempeln alleine ist ein Besuch wert. Es gibt so viele kleine, spirituelle Plaetze wo man bei einem Tee verweilen mag und einfach Leute beobachten kann. Fuer Frauen duerfte wohl die enorme Auswahl an bunten Saaris, der traditionellen Frauenkleidung, eine Freude machen. Stoffe in allen Farben und nur erdenklichen Mustern werden hier angepasst und massgeschneidert. Ueberhaupt gibt es in den Basaren einfach alles zu kaufen was man sich ertraeumen kann. Mich zieht es dabei immer wieder in die Laeden der schlauen Haendler aus der Kaschmirregion, die ihre Paschmina-Schals feilbieten und versuche mir eine gewisse Expertise zu den verschiedenen Qualitaeten anzueignen. Wie einfach waere es, hier ins Geschaeft einzusteigen und die wertvolle Waare, hier spottguenstig zu bekommen, in Europa weiterzuverkaufen. Aehnlich, wie wir es auch bei den zahlreichen Schmuckhaendlerinnen gesehen haben. Die kaufen hunderte Stueck Ringe, Ketten und Baendchen um wenige Rupien in Indien, um diese dann auf Maerkten in Europa, ausgegeben als „self-made Produkte“ um den 20fachen Preis zu verkaufen. Und das Business laeuft. Somit habe ich nun auch einen etwas anderen Blick auf die vermeintlichen hippieesken Lebemenschen in Europa, die angeblich von ein paar selbstgebastelteten Armreifen ihr Leben finanzieren 😉 So wie alle Staedte Indiens ist Varanasi einfach sehr fordernd und erschoepfend.

Ich ziehe mich, nach ausgiebigen Erkundungstouren, in die kleinen Lassi-Bars zurueck, wo herrlich frischer Joghurt mit allen moeglichen Fruechten und Geschmackskombinationen angeboten wird, zurueck (mein favourite: Banane-Schokolade-Kokosnuss, aber auch die Joghurt-Kaffee Variationen sind ein Traum). Einen Tag habe ich 8km ausserhalb der Stadt in Sarnath verbracht (fuer die 8km habe ich uebrigens 2 Stunden mit den public transports gebraucht). Hier, in einem bewaldeten Park, hat Buddha unter einem Baum seine erste Lehre vor 5 seiner Schueler gehalten, nachdem er erleuchtet wurde. Somit ist dieser Ort eine der wichtigsten Pilgerstaedten fuer Buddhisten aus aller Welt. Ich mag diesen Platz, der so kontraer ist zu den hektischen Hindu Orten. Wieder bestaetigt sich mir meine Zuneigung zu den zurueckhaltenden Buddhisten, der Ruhe, Sauber- und Gelassenheit dieser philosophischen Richtung.

Morgen verlasse ich Varanasi Richtung Darjeeling. 15 Stunden Zugfahrt stehen am Programm. Ein weiteres testpiece fuer meine abschliessende Zugfahrt Ende Maerz, die mich in Einem durch, 2000 Kilometer von Ost nach West wieder zurueck nach Delhi bringen wird. Aber bis dahin passieren noch viele andere Dinge, denen es sich zu widmen gilt.

Fotos gibts beim Naechsten Mal wieder ein paar,

Andi

Der ganz normale Wahnsinn

Namaste aus Delhi – schon wieder. Seit Beginn der Reise sind nun knapp 5 Wochen vergangen. Vieles hier, der indische Alltag, wird auch fuer einen selbst mehr und mehr zur Normalitaet. Warum mir das trotzdem auffaellt, und es lohnt darueber zu schreiben?

Weil es doch immer wieder diese „Luftwatschen“ gibt, diese flashs, wo du etwas wahr nimmst und dir denkst: „Das ist jetzt nicht wirklich passiert, oder?“ Das Standard Chaos Indiens ist ja einfach erklaert: Staub, Dreck, Smog, Laerm, Gestank, Menschen Rotzen und Spucken rund um dich herum, neben dir kackt ein kleiner Junge mitten auf die Strasse… das alles nimmt man gar nicht mehr so wahr. Wobei es doch einen deutlichen Unterschied auf den Strassen New Delhis zu sehen gab, als die Muellabfuhr nach Monaten des Streiks wieder ihre Arbeit aufgenommen hatte. Ein tschechischer Reisender hat es so gut formuliert: „Ich bin in Delhi am Bahnhof angekommen, und um in mein Hostel, in einer kleinen Seitengasse zu gelangen, musste ich erst mal einen Muellberg erklimmen.“ Ich habs mit eigenen Augen gesehen, er sprach die Wahrheit.

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Oder die Tatsache, dass in jeder Stadt Schweine, Kuehe, und Affen aktiv im Leben teilnehmen. Irgendwie normal, und doch wirds lustig, wenn eine Affenbande pluendernd ueber die Daecher und Fasaden der Basare schwingt und dabei komplette Staende einfach abraeumt. Oder die hungrigen Kuehe, die uns Touris einfach ueberall hin nachstapfen, wenn sie merken dass wir Futter bei uns tragen. Wir nennen sie nur mehr liebevoll: „Schnitzel.“

Zu besagtem Stadtbild gehoeren klarerweise auch die ganzen selbsternannten Doktoren: Ohrenputzer und Strassenzahnaerzte verrichten ihr Werk direkt auf der Strasse fuer wenige Rupien. Das entfernte Ohrenschmalz wird einfach so am Arm abgestreift, ich hab geglaubt ich pack die Welt nicht mehr. Da hab ich mich inzwischen schon besser dran gewoehnt, dass an jeder Ecke ein Plastiksessel und ein rostiges Rasiermesser zum Friseursalon erklaert wird. Wobei es da natuerlich auch qualitative Unterschiede gibt. Ich moechte die indische Bartrasur und anschliessende Gesichtsmassage nicht mehr missen wollen!

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Aber auch die Reisenden selbst sind ein sehr eigener Schlag. So guckten Paulina und ich nicht schlecht, als nach einer Meditationseinheit ein junger deutscher Hippie zu ihr sagte:“Du, ich habe gespuert, dass da etwas bei dir nicht passt. Ich hoffe es macht dir nichts, dass ich eines deiner Shakren geheilt habe!?“ Tja, aehm, was soll man darauf sagen. „Danke, lieb von dir?!“ Mir persoenlich ists lieber, wenn man meine Shakren enfach in Ruhe laesst, die werden schon wissen was sie tun.

Paulina ist entzwischen wieder zurueck in Stuttgart. 1 Monat haben wir zusammen einige verrueckte, aber viel mehr einzigartig schoene Momente erlebt und geteilt. Danke, dass du so spontan dabei warst. Der Abschied war nicht gerade leicht, haette ich nicht pathologischen Traenenfluessigkeitsmangel, haette man sehen koennen dass ich feuchte Augen hatte. Ich freu mich auf unser Wiedersehen! 🙂 Nun gehts alleine weiter und bin gespannt, wie anders die Wahrnehmung funktioniert, wenn man sie nicht direkt mit jemandem Vertrauten teilen kann.

Zu all den, vielleicht etwas negativ wirkenden, Eindruecken Indiens sei noch zu sagen: Sie sind es nicht, es sind alles wunderbare, spannende und schoene Erlebnisse. Man muss sie nur zu handeln wissen! Ich denke, am Wichtigsten ist es, seine Rueckzugsorte zu wissen, an denen man abschalten kann. Die Eindruecke hier sind intensiv. Nur auf der Strasse zu marschieren erdrueckt einen foermlich. Den ganzen Tag lang, wuerde mich das zu sehr erschoepfen. Deshalb findet man einfach fuer sich seine kleinen Oasen der Ruhe, sei es ein nettes Kaffee am Strasseneck, ein nettes Stadtviertel wie Majnu-ka-tilla in Delhi oder einfach einen kleinen Huegel im Gruenen, von dem aus man gedankenversunken in die Eiswelt der Himalaya Berge blicken kann.

Genau das habe ich vor, heute Abend geht mein Nachtzug von Delhi nach Varanasi, d.h. Indien in seiner erbarmungslosesten Form – laut lonely planet werden hier keine Gefangenen genommen – ehe es weiter geht nach Darjeeling, die Heimat des Kangchendzoenga, dritthoechstem Berg der Welt. Ich weiss, dass ich dort meine Rastpositionen finden kann und freue mich daher umso mehr auf das was bevorsteht: 3 Tage Varanasi, Millionenstadt und zugleich eine der aeltesten Indiens. Und heiligste Pilgerstaedte der Hindus. Hier am Ganges ist der Ort, wo man zum Sterben hingeht. Direkt am Fluss werden die Toten verbrannt und ihre Asche dem Ganga (wie ihn die Einheimischen nennen) hingegeben. Ich melde mich dann wieder, und berichte was dieser Ort so mit einem macht.

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Bis dahin, alles Liebe,

Andi

 

 

 

 

Eine Ode an den Strassenverkehr

Ich denke, eine Asienreise, ohne ausfuehrlichen Bericht ueber den oertlichen public transport ist kein guter Reisebericht.

Zu allererst: Wir haben Rishikesh gut von Dharamsala aus erreicht. 13 Stunden Busfahrt klingen inzwischen nicht mehr verstoerend. Da gabs schon laengere. Also eine Uebernachtfahrt im so genannten „Semi-Sleeper-Bus“, laut Werbung sieht der so aus: Wifi, A\C (air condition), flatscreens in each seat (also Fernseher am Platz, wow!!), bequem verstellbare Rueckenlaehne und Fussablage, also quasi liegend (semi!), Decken und Trinkwasser inklusive. Man ist ja, die Erfahrung lehrt, inzwischen skeptisch bei solch formidablen Versprechungen.

Die bittere Realitaet war: Rueckenlehnen ca. 10 Grad nach hinten verstellbar, teilweise aber sogar bis zu 90 Grad, weil einfach abgebrochen. Decken Fehlanzeige, Wasser nur in salziger Form aus unseren Hautporen, bzw. Eiseskaelte wenn die Halbwahnsinnigen 2 Reihen vor uns das Fenster offen hatten. Bildschirm haette diese Busfahrt sowieso keiner ueberlebt und W-Lan….eh schon wissen 😀

Also 13h Gehopse und Gepoltere durch Indiens Nordwesten. Ich, wie immer ein schlauer Fuchs, entdecke die freie Rueckbank und erfreue mich, dort meine Beine in ausgestrecktem Zustand liegend platzieren zu koennen (dass die Liegeposition inkl. Fussablage an den Sitzen reine Illusion war, muss ja nicht extra erwaehnt werden). Warum die Idee vor mir noch keiner wahrnahm, war mir nach dem 2. Schlagloch klar. Luftstand 10cm, Schraeglage (der Wirbelsaeule) und zack frontal in die Vordersitze. Etwas zerknautscht und um einige blaue Flecken reicher kommen wir in Rishikesh an. Die selbsternannte Yogahauptstadt bietet tatsaechlich alles, was das nach Erholung suchende Herz begehrt:

Yoga-Unterricht an jeder Ecke, Heilmassagen, Ayureveda Behandlungen, Emotionsblockaden Entfernungen, Meditationen, Atemtechniktraining, Zeit-Tunnel Erfahrungen (hell yeah !? :D), Satsangs, Heilgesang, Erleuchtungs-Schnellkurse und so weiter und so fort. Das Publikum wieder dezent spirituell bzw. psychopathogen angehaucht schlapft in Jutesack und Sandalen durch die Strassen. Weisse Hippiebraeute die einen auf indische Prinzessin machen singen Hare Krishna oder Shiva an und wir…ja wir bleiben est mal bodenstaendig und forcieren unsere Yogakuenste und nehmen reinigende Baeder im eisig kaltem Ganges-Fluss. Ich werde in meinen Anfaengerstunden gleich mal so verbogen und gedehnt, dass am naechsten Tag ein Masseur meine Verspannungen aus dem Nacken kneten muss. Mal ernsthaft: Yoga ist nix fuer Lulus, das haut richtig rein, und ich freu ich zu Hause bald meine Privatlehrerin Romana konsultieren zu duerfen. Hat Spass gemacht!

Ein weiteres Highlight in Rishikesh sind die zahlreichen Gurus und Lehrmeister aller spirituellen Klassen, die Hundertschaaren von Anhaengern in die Ashrams ziehen und ihre Person und ihre Philosophien feiern lassen. Wir, beide noch jungfraeulich in diesen Dingen, zogen uns gleich mal ein Satsang (= ich habe ein Problem in meinem Leben und frag mal einen Erleuchteten um Rat…) des jamaikanischen Meisters „Mooji“ rein. Ein smarter, aelterer Herr, der durchaus interessante Thesen zu Leben vertritt, aber irgendwie auch nix Neues parat hat. War alles schon mal da. (jaja, reinige deinen Verstand, lebe i, Hier und Jetzt, liebe Alle, sei zufrieden mit dem was du hast, rauch nen Joint…)

Spannend war das Publikum und die Menschen, die sich ans Mikrofon wagten um Mooji ne Frage zu stellen. Beginnend mit „I don“t have any question…“, minutenlange Gelabere, wie sehr sie Mooji doch liebt, „…with every Atom of my body“ durfte die irre Russin schliesslich zu ihm auf die Buehne, um dort 15 Minuten, weinend mit dem Kopf im seinen Schoss zu verweilen, waehrend er den naechsten um Hilfe rufenden beriet (“ I am an epic failing guy… I was missing, missing, missing…“). Auch dieser liebt Mooji so much und auch dieser darf heulend auf die Buehne. So gings dahin mit den Kanditaten, und so langsam kam uns das Gefuehl, dass hier weniger nach Antworten im Leben, als nach Streicheleinheiten und etwas I love you too bla bla gesucht wird. Na wie auch immer, wems gut tut… wir verlassen Mooi fruehzeitig und haben Respekt vor diesem Mann und seiner epischen Geduld mit all den wirren Seelen da draussen.

So verliessen wir nach einigen Tagen Rishikesh ueber die in Indien fast durchwegs asphaltierten Strassen, wieder per Uerbachtbus, diesmal 15 Stunden und „real Sleeper“, also Matratze und so. 170cm lang sind diese Doppelmatratzen Kabinen, fehlten also nur knappe 25cm um gerade liegen zu koenen, dafuer gabs Raumschiff aehnliche Zustaende (low gravity, 30cm Luftstand, liegend bei passendem Schlagloch) sowie Bettwanzen inklusive.

 

Liebe Gruesse aus Rajasthan, dem Wuestenstaat. Wir gammeln jetzt mal in der Oase Pushkar rum und werden morgen ein paar wilde Kamele zaehmen. Andi und Paulina

Eine Stadt steht still…

Was in den westlichen Medien kaum noch Bedeutung hat, bewegt den Südost-Asiatischen Raum nach wie vor: Selbstanzündungen tibetischer Mönche und Jugendlicher.

Als wir heute von einem Ausflug in die Stadt McLeod Ganj zurück kamen lag eine bedrückende Stimmung in der Luft. Geschäfte und Restaurants hatten geschlossen, Menschen versammelten sich am Hauptplatz und verteilten Flyer:

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Wieder hatten sich 2 junge Tibeter selber angezündet, „ihre Körper geopfert, um auf die repressive China-Politik aufmerksam zu machen.“

Wir nahmen spontan an einem Kerzen-Gedenkmarsch in McLeod Ganj teil. Tibeter und westliche Solidaritätsbekundende zogen durch den Ort um anschließend gemeinsam zum Dalai Lama Tempel zu ziehen.

Näheres dazu hier: http://abcnews.go.com/International/wireStory/1st-immolation-year-reported-tibetan-region-37328627

Ich denke, was wir tun können, ist sich über Tibets Situation zu informieren und weiter aufmerksam zu machen um der Politik Chinas nicht unterbewusst Rechtfertigung zuzugestehen.

Solidarität mit Tibet!

Eine einfache Wanderung – Abstieg: „die Merlin Variante“

In Neuberger Kreisen ist sie gefürchtet und bekannt. „Die Merlin Variante.“ Schlägt man im Duden nach findet man folgende Definition: „Eine vermeintlich einfache Wanderung/Bergtour, die durch unbeholfene Wegfindung oder falsch interpretiertes Kartenmaterial abenteuerliche Ausmaße annehmen kann und hohes technisches Geschick erfordert!“

Wir haben uns bei unserer heutigen Wanderung für die „Merlin-light“ Variante entschieden, die sich nur auf den Abstieg bezieht. Von McLeod Ganj folgten wir den präzisen Beschreibungen Romanas (Basislager in Österreich) sowie den Angaben ortskundiger locals um den netten Aussichtspunkt „Triund“ auf etwa 2900m Seehöhe zu erreichen. Dank ausreichend frühem Start konnten wir das Bergpanorama um den 5639m hohen Hanuman ka Tibbu noch voll auskosten, ehe sich dichte Wolken über die Dhauladhar range schoben und einen weiteren Aufstieg zu einem Aussichtspunkt auf knapp 3300m wenig attraktiv machten. Zum Glück entschieden wir uns für den Abstieg, eine Rundtour Variante nach Bhagsu, die uns ein local nur als „OK, but steep“ beschrieb. Bis wir die Baumgrenze, den blühenden Rhododendrenwald erreichten war der Weg noch klar erkennbar, dann verliefen sich viele kleine Spuren und Pfade in den dicht bewachsenen, steil abschüssigen Hang. Anfangs konnten wir noch Müll und Pferdekotspuren folgen, bald verloren sich aber auch diese. Einsetzender Regen, Paulinas schmerzendes Knie, wuchernde Schlingpflanzen hartnäckige Klettern und Dornenranken sowie das ungute Gefühl, den Weg komplett verloren zu haben machten den Abstieg zu einem kleinem Nervenkitzel und ungewolltem Abenteuer. Irgendwo unter uns aber wussten wir, dass sich die Berghänge in einem Flussbett treffen würden, von dem aus die Wasserleitung in die umliegenden Dörfer führt. Über nasse Schieferblöcke und das Dickicht des Waldes rutschten wir so nach unten, bis wir endlich wieder den Himmel und Tageslicht erblicken konnten und schlugen uns so bis zu den ersehnten Stahlrohren der Wasserleitung durch und folgten diesen bis in den Ort Bhagsu. Erschöpft, etwas angeschlagen aber glücklich über unseren lupenreinen „Merlin-Abstieg“ fielen wir ins erstbeste Restaurant ein und stärkten uns mit Suppe und Thali. Nicht zu spät, setzte genau jetzt ein Gewitter mit starkem Regen und Hagel ein. Ende gut alles gut. Morgen gehen wirs wieder gemütlicher an und besuchen die tibetische Bibliothek sowie das Norbulingka Institut, das bekannt ist für seine traditionellen tibetischen Schnitzereien und Thangka Malereien.

Als Nachbar des 14. Dalai Lamas

Wo können indische Militärs, tibetische Mönche und Nonnen sowie Reisende aus der ganzen Welt bei Kaffee und Kuchen beisammensitzen? In McLeod Ganj bei Dharamsala, einem Ort nordwestlich im Distrikt Himachal-Pradech an den ersten Erhebungen des Himalayas. Nahe der pakistanischen Grenze haben tibetische Flüchtlinge sowie der 14. Dalai Lama ihre neue Heimat gefunden, nachdem sie im Zuge der chinesischen „Kulturrevolution“ von den Hochflächen Tibets fliehen mussten und über Himalayapässe ins angrenzende Indien gelangten. Seit nun mehr als 50 Jahren müssen die Menschen ihre Heimat auf Grund der repressiven Politik Chinas verlassen.
Hier, auf ca. 1800m haben die Tibeter ihre Exil-Regierung formiert und führen weiter in unzähligen Projekten ihren gewaltfreien Protest gegen die Annexion Chinas und der kommunistischen Volkspartei.

Nachdem wir noch 1 Tag im Süden am Meer geschwitzt hatten, führte uns eine lange Reise mit Zug, vollgestopften indischen Bussen und verspäteten Flügen bis nach Amritsar. Die Hauptstadt und Pilgerstädte der Religion der Sikhs hat nicht viel zu bieten als andere versmogte und chaotische Großstadtmoloche, mit Ausnahme des „Golden Tempel“, den täglich bis zu 60.000 (!) Sikhs besuchen um an ihrem heiligsten Ort zu beten. Uns sind diese Gläubigen bekannt durch ihre markanten Turbane, die sie ständig tragen und das Kopfhaar verbergen, das zeitlebens nicht geschnitten wird. Für uns ein faszinierendes Schauspiel, besonders auch auf Grund der durchgehenden musikalischen Beschallung und Gesänge der Sikhpriester, die alles im Tempel übertönen. Versorgt werden die, oft weit hergereisten, Pilger in einer der größten Freiluftküchen der Welt. Die Organisation ist perfekt, um tausende Menschen zeitgleich mit Besteck, Brot, Linsen und Curry zu versorgen. Da die Sikhs allen anderen Kulturen und Religionen aufgeschlossen und neugierig gegenüber sind, mischen wir uns unter die Hungrigen und werden kostenlos mitversorgt. Am Boden sitzend erklärt unsere Sitznachbarin kurz, wie wir uns zu verhalten haben, z.B. Brot mit beiden Händen entgegenzunehmen, während der Becher für das heilige Wasser am Boden stehen bleibt, bis eingefüllt wird. In Windeseile laufen dutzende von Freiwilligen mit riesigen Eimern durch die Reihen von Hungrigen und schöpfen eifrig nach. Ich bin sehr zufrieden, und freue mich auch, dass ich im Küchenbereich Fotos machen darf, um die swimmingpool-großen Kochtöpfe und mannshohen Schöpflöffel fotografieren zu können. A pro pos Fotos. Da dieser Tempel ein Ort für Pilger und weniger für Touris ist, fallen wir hier ziemlich auf und müssen oft für Fotos herhalten. So kriegt Paulina ein frisch-geschlüpftes Baby in den Arm gelegt, ich muss dutzende Hände schütteln, wir werden ummarmt, manchmal stellen sich Leute einfach nur dazu und dann Zack: Smartphones werden gezückt und es wird gnadenlos draufgehalten 😀 Anstrengend nach dem 20. Mal, aber die Neugierde der Menschen und die Dankbarkeit, dass wir uns für sie und ihre Religion interessieren hinterlassen nichts als positive Eindrücke. Zudem bringen uns die kurzen Gesprächen die für uns neuen Kulturen näher und schärfen unser Verständnis dafür.

Wir verbringen unsere Tage nun bei Höhenluft-Kur und buddhistischer Gelassenheit. Ich persönlich bin froh, den heißen Süden erst mal hinter mir gelassen zu haben und meine 2 Jacken, Pullis und Hauben doch nicht ganz umsonst eingepackt zu haben. Liebe Grüße aus dem Norden.

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